Denkblockaden einreissen!
19. November 2008Die sinnlose Verwüstung des Foyers der Humboldt Universität zu Berlin im Rahmen der bundesweiten Schulstreiks und die damit einhergehenden antisemitischen und antiintellektuellen Kollateralschäden wurden am Wochenende endlos zu Propagandazwecken sowohl der Massen- als auch Alternativmedien ausgeschlachtet. Wie man es dreht und wendet, das Fazit bleibt eher peinlich.
Was zu Anfang schockierte war die hemmungslos herausgelassene “angestaute Wut” gemischt mit diffusen politischen Statements auf der einen und naiv dümmlichem Hedonismus auf der anderen Seite der demonstrierenden Schülerschaft. Die nachträglich von der Organisation herausgegebenen halbherzigen Entschuldigungs- und Erklärungsversuche haben die Misere leider nur verschlimmert.
Alles in Allem haben die Berliner Schüler eines Bewiesen: die Bildung in der Hauptstadt ist nicht einfach nur schlecht, sondern alarmierend katastrophal - angesichts der Bilder eines naiven, wütenden, intoleranten und grenzenlos hedonistischen Mobs von selbsternannten Antifaschisten und Antikapitalisten, die warscheinlich noch nicht einmal wissen, was diese Fremdwörter bedeuten und sich verhalten, wie grenzdebile faschistoide Emo-Teens auf Speed. Es gibt einiges an Nachholbedarf zu den Themen Gesellschaft, Politik und Geschichte.
Doch nicht nur die berliner Schüler befinden sich in einem bedauernswerten Zustand - auch die Studenten sind zu bemitleiden. Geistig eingezwängt in einem straff durchgepeitschten Bachelor-Studium, welches das Ziel hat spezialisierte Akademiker für den globalisierten Arbeitsmarkt auszuspucken, haben sie nie die Möglichkeit, den Willen und die Zeit gehabt, sich mit der Gesamtsituation der Bildung in Deutschland genügend auseinanderzusetzen, um auf den Trichter zu kommen, dass es ja hätte Sinn machen können, sich mit den bundesweiten Schulstreiks zu solidarisieren und auf die eigene Situation aufmerksam zu machen.
Während in Berlin die Fetzen flogen, war in Heidelberg wie zu erwarten nicht viel los. Man verhielt sich durchwegs Obrigkeitshörig und gesittet - aber zeigte sich zumindest in der Bildungskritik ein vielfaches reflektierter und pointierter als die Streikgenossen andererorts - was vielleicht nicht wundert, denn BaWü ist bei den Pisa-Tests ja ganz weit vorne dabei - im globalen Wettbewerb ums geistige Kapital.


Tritt man heute den Weg von der Hauptstraße in Richtung Neckar über die Große Mantelgasse an, so ist dem Besucher der Atem der Geschichte allgegenwärtig: Alte, grün bewachsene Häuser, kleine Fenster, das Hallen der Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster lassen den Geist der Romantik auferstehen. Kurz vor Erreichen des Neckars gleitet der Blick nach rechts, ein kleiner Platz zeigt sich. Was auf den ersten Blick einer verträumten Idylle gleicht, trägt jedoch die Last einer dunklen Seite deutscher Geschichte: Der Synagogenplatz. Eine Erinnerung an die Zerstörung der Heidelberger Synagoge in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.
Auch die zweite Heidelberger Synagoge in der Rathausstraße in Rohrbach blieb in dieser Nacht nicht von der Zerstörungsgewalt der Faschisten verschont. Wiederum demolierten SA-Schergen die Inneneinrichtung und setzten diese in Brand. Doch begann die Freiwillige Feuerwehr Rohrbach mit Hilfe zahlreicher Anwohner bald mit Löschungsarbeiten, so daß das Gebäude selbst nur leicht beschädigt wurde. Das Nichteingreifen noch anwesender SA-Leute wird zum Teil dadurch erklärt, daß im dichtbebauten Gebiet ein Übergreifen der Flammen nur schwer zu verhindern gewesen wäre. Die feindselige Haltung der Anwohner mag dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.
Man wollte so den angeblich spontanen Charakter des Pogroms unterstreichen. Die Heidelberger Polizei selbst ignorierte sämtliche Vorkommnisse dieser Tage völlig, ihr war von höheren Stellen Stillschweigen verordnet worden.







